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JOSEF
SAILSTORFER
Klassiker und Asthet
„An einem Kunstwerk muss man jeden Tag daran vorbeigehen können, ohne dass es einem auffällt. Eines Tages dann trifft man die Entscheidung, dorthin zu gehen und hinzugucken und entdeckt die räumlichen Beziehungen. Da fängt die Kunst an, wo man die ersten Schritte selber macht“. So etwa äußerte sich Per Kirkeby über die zweckfreie Architektur seiner Backsteinbauten.
Also versuchen wir, hinzugucken und die Kunst zu entdecken, die sich hier real an den sichtbaren Teilen manifestiert, vor allem aber auch in deren Beziehungen untereinander und zum Raum sichtbar wird. Josef Sailstorfer benutzt nicht den Ziegelstein, der für Kirkeby seiner Anonymität wegen wichtig war, sondern hat die Grundelemente für seine Bauten selbst entwickelt. Das viertreppige Teil ist in Grundriss und Aufriss auf den Aquatintablättern zu sehen. Einmal Treppe, einmal Rechteck, einmal Quadrat. Verschiedene Variationen der Standflächen und Kombinationsmöglichkeiten der Teile untereinander lassen verschiedene Positionen zu und machen die Anordnung im Raum zu einem spannenden Spiel der Beziehungen, dem wir folgen wollen.
Materialien, Maße und Oberflächen der einzelnen Elemente sind verschieden. Während Sailstorfer bisher ausschließlich in Stein gearbeitet hat, hat er hier begonnen, mit verschiedenen Materialien, also auch verschiedenen Erscheinungsweisen zu experimentieren. Oberfläche, Dichte und Volumina sind unterschiedlich und vermitteln unterschiedliche haptische und optische Eindrücke.
Jedes einzelne Objekt ist ein Sammelpunkt für Raum und gibt aus seiner Position eine Direktive zur Weiterbewegung.
Man kommt die Treppe zur Galerie herauf, der Raum öffnet sich nach beiden Seiten und linkerhand weiter nach oben in das nächste Geschoss. Der Blick fällt rechts auf zwei Stufenelemente, die gegeneinander versetzt aufgestellt sind; das eine Element weist nach oben, das andere nach unten zurück, wobei es den Blick in sein Inneres freigibt.
Die vier roten Teile auf der anderen Seite sind quasi zu einem Pfeiler gebündelt, der einerseits als ruhender Pol wirkt, zugleich aber nach oben weiterführt. Diese Elemente sind aus Keramik, die allerdings so hoch gebrannt ist wie Steinzeug, das heißt, sie sind auch witterungsresistent, können also genauso gut im Freien stehen. Ihre Oberfläche ist rau und durch den Brand changierend verfärbt. Eine Treppe (!) höher finden wir drei Elemente aus Aluminiumvollguss, die in verschiedener Position in gleichen Abständen im Raum angeordnet sind; sie sind glatt, kleiner, aber schwerer. Sie setzen, jedes auf seine Weise, Schlusspunkte in den Raum und bieten gleichzeitig je verschiedene Möglichkeiten an, mit der Gestaltung fortzufahren oder sie zu variieren.
Zersägen, Teilen, transparent machen, Einblicke schaffen, diese Anliegen ziehen sich durch Sailstorfers gesamtes Werk. Mit geometrischen Verhältnismäßigkeiten werden Harmonien hergestellt, die durch die Gesetzmäßigkeiten der Formen bedingt sind.
Hier wurde nun nicht mehr gesägt oder zerteilt, sondern es wurde geformt, gebrannt und gebaut, dann wurden einzelne aufeinander abgestimmte Teile zueinander gefügt, und variabel in ihren Beziehungen im Raum angeordnet. Die Zeichen sind auf ein Minimum reduziert, wichtig sind Proportionen und Volumina. Rechter Winkel, Quadrat und Rechteck sind die Grundlagen, aus denen sich alles herleitet.
Diese Denkprozesse sind vor allem kennzeichnend für Sailstorfers Werk, sie muss man herausfinden, wenn man hingeht und hinguckt und die räumlichen Bezüge entdecken will, wie Kirkeby das gewünscht hat. Denn hinter den einfachen Elementen steckt ein komplexes System. Dieses System ist für die Variabilität der einzelnen Elemente verantwortlich und letztlich der springende Punkt der Installation.
Transparenz, Klarheit, Durchschaubarkeit und die Gleichberechtigung der Formen möchte man nennen, um Sailstorfers Installationen zu charakterisieren, die harmonische Entwicklung ihrer Anordnung und eine hochdifferenzierte Sensibilität für die Anmutung der Materialien.
Betrachtet man Sailstorfers Oeuvre und kennt seine Ansichten über Natur, Kunst und Architektur, wie sie letztlich auch an der langjährigen und einfühlsamen, von nostalgischen Tendenzen freien Sanierung seines Hofes in Bichl und an seiner Lebens- und Weltanschauung deutlich werden, so muss man jede seiner Arbeiten auch als exemplarisch dafür verstehen. Er versucht in allem, den Dingen gerecht zu werden.
„Es ist ein Mythos, dass schwierige Kunst schwierig sei“, sagte Donald Judd, der Minimalist. So einfach ist das.
13.09.01 © Ines Kohl
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